Frau Alkhaz Ali wohnt seit Oktober 2020 mit ihren beiden 11- und 14-jährigen Kindern in einer eigenen Wohnung in Berlin. Davor lebten sie mehrere Jahre auf engem Raum in einer Unterkunft für Geflüchtete. Die junge Mutter berichtet darüber, wie der Einzug in die neue Wohnung ihr Leben und das Leben ihrer Kinder verändert hat und was es für sie bedeutet, nun ihre eigene Wohnung zu haben.

Frau Alkhaz Ali, Sie wohnen jetzt seit Oktober in Ihrer neuen Wohnung. Was hat sich für Sie und Ihre Kinder seitdem verändert?

Ich fühle mich wohl. In unserer Unterkunft war alles verboten. Man durfte keine Anschaffungen machen. Zum Beispiel keinen Kühlschrank, keine Schränke…ich durfte nichts kaufen. In unserer Unterkunft gab es nur einen kleinen Kühlschrank, doch der war zu klein für mich und meine Familie. Sie wissen ja, wie wichtig diese Sachen für eine Familie sind. Jetzt habe ich mein eigenes Zimmer und meinen eigenen Kühlschrank. Ich fühle mich sehr glücklich und kann nicht erklären, wie wohl ich mich fühle. Sie sehen ja, (lächelt): Ich bin sehr glücklich mit meiner Wohnung.

Und für Ihre Kinder? Was hat sich seitdem verändert?

Mein Sohn hat ein eigenes Zimmer und meine Tochter auch. Sie können jetzt alles machen: sie können ungestört lernen und es ist ruhig. Im Heim ist es immer laut und es gibt keinen Platz. Es gibt keinen Schreibtisch. Man muss immer alles gemeinsam machen. Der Schreibtisch ist gleichzeitig auch der Esstisch! Jetzt fühlen sie sich wohl. Beide können lernen und wollen auch studieren. Jetzt haben sie Kraft zum Lernen. Beide sind glücklich. In unserer Unterkunft gab es keinen Platz für Stifte oder Hefte. Wir mussten diese immer in ihren Verpackungen aufbewahren. Jetzt haben sie Regale für die Hefte. Außerdem haben sie jetzt ihre Privatsphäre, das war im Heim nicht möglich.

Haben Sie mit Ihren Kindern in einem Zimmer gewohnt?

Ja, ein sehr kleines Zimmer, das auch als Wohnzimmer und Küche gedient hat.

Wie lange haben Sie in einer Unterkunft gewohnt?

Lange! (lacht) Das war ein gutes Heim, denn ich habe davor auch in einer Gemeinschaftsunterkunft gewohnt. Badezimmer und Küche musste man mit Anderen teilen und man hatte nur ein kleines Zimmer. In diesem Heim haben wir 9 oder 10 Monate gewohnt. Das war noch in Ordnung, weil man einen eigenen Kühlschrank hatte. Und ein eigenes Zimmer. Aber insgesamt haben wir 4 bis 5 Jahre in Unterkünften verbracht.

Wie lange waren Sie auf Wohnungssuche?

Ich habe drei Jahre lang nach einer Wohnung gesucht. Aber das war schwer, weil ich am Anfang keinen WBS und keine Schufa hatte. Ich konnte auch nicht so gut Deutsch sprechen und hatte keine Erfahrung mit dem Internet. Außerdem hatte ich keine andere Person, die mir helfen konnte. Das war sehr, sehr schwer. Manchmal haben mir die Sozialarbeiter im Heim geholfen, aber sie hatten auch viel Arbeit und konnten meine Unterlagen nicht kopieren oder für mich E-Mails versenden…Das war ein bisschen schwer für mich – die Kinder waren klein, sie haben nicht verstanden, was los war. Aber irgendwann hat mich eine der Sozialarbeiterinnen an ein Projekt der Wohnungslosenhilfe in Berlin verwiesen, welches mich sehr unterstützt hat. Herzlichen Dank an die für mich dort zuständige Sozialarbeiterin! Sie forderte mich dazu auf, immer zu suchen und genau das habe ich getan und ihr die Angebote zugeschickt. Wir waren bei mehreren Besichtigungsterminen, sie sagte mir immer, was ich sagen oder wie ich auf die Wohnungsangebote reagieren sollte. Manchmal hat die Sozialarbeiterin meine Unterlagen auch zusammengestellt, während ich weitergesucht habe. Jetzt kenne ich alle Wohnungsbaugesellschaften in Deutschland! (lacht) Aber davor war es sehr, sehr schwer.

Und trotzdem haben Sie sich auf die Wohnungssuche begeben, bevor Sie direkt unterstützt wurden. Was hat Ihnen Kraft gegeben?

Wenn mir jemand zur Seite steht, gibt es mir Kraft. Meine Sozialarbeiterin ist Deutsche und kennt sich aus. Dieses ist nicht mein Heimatland, die Sprache und die Bürokratie sind neu. Außerdem trage ich ein Kopftuch. Ein Vermieter sagte mir, dass er mir die Wohnung deswegen nicht vermietet. Das kenne ich aus meinem Land nicht. Die Erfahrung und die Kenntnisse über den Wohnungsmarkt meiner Sozialarbeiterin haben mir sehr viel Kraft gegeben. Jetzt kenne ich zum Beispiel den Unterschied zwischen Kaltmiete und Warmmiete

Sie haben sich jetzt in Ihrer Wohnung eingerichtet. Was war neu nach dem Einzug?

Ich habe ein neues Leben! Ich kann mehr leben, denn davor – fünf Jahre lang – war ich immer mit dem Gedanken beschäftigt, wie meine Kinder in eine Wohnung ziehen könnten. Es fiel meinem Herzen schwer, weil sie mich immer gefragt haben, wann sie ihr eigenes Zimmer haben werden. In dem Heim waren Besuche verboten. Meine Kinder durften keine Freunde nach Hause einladen. Jetzt mache ich meine Regeln selbst! Früher hatte ich keine Zeit für mich und meine Kinder, weil ich permanent auf Wohnungssuche war. Ich habe im Bus, in der S-Bahn mit meinem Handy gesucht – auch am Wochenende! Ich musste es machen; wenn ich aufgegeben hätte und nicht ständig im Internet gewesen wäre, hätten wir jetzt keine Wohnung.

Was bedeutet Ihre Wohnung für Sie?

Paradies! Ja, wirklich. Ich habe sehr viel Schlimmes gesehen und erlebt und jetzt bin ich sehr stolz auf mich, sehr! Alle sagten mir, ich kriege keine Wohnung, weil ich kein Deutsch spreche, keine Erfahrung mit dem Internet habe, keinen WBS habe usw. Außerdem war ich alleine und konnte nicht alle Besichtigungstermine wahrnehmen. Ich habe noch den Sprachkurs besucht, hatte Termine beim Jobcenter und beim Arzt, meine Kinder brauchten auch Unterstützung bei den Hausaufgaben… Aber ich habe mir selbst gesagt, ich muss das machen!

Sie haben an Ihrem Ziel festgehalten. Wie wird Ihre Wohnung Ihre Zukunft und die Zukunft Ihrer Kinder beeinflussen?

Ich sehe, dass sich die Schulnoten meiner Kinder deutlich verbessert haben. Sie erzählen in ihrer Klasse, dass sie eine Wohnung haben. Damals wurden sie von den anderen Kindern ausgelacht, weil wir keine eigene Wohnung hatten und die Räumlichkeiten mit anderen Menschen teilen mussten. Sie durften niemanden einladen. Das hat meine Kinder ein wenig verletzt. Doch jetzt ist meine Tochter sehr glücklich, dass wir Besuch empfangen können – jetzt in der Pandemie natürlich nicht. Ich erinnere mich, dass meine Tochter immer Geburtstag feiern wollte und ich konnte diesen Wunsch nicht erfüllen, weil es bei uns in der Unterkunft zu klein war. Jetzt sagt mir meine Tochter “Ich möchte jeden Tag Geburtstag haben!” (lacht) In ihrem Zimmer hängen überall Luftballons. Wenn ich die Tür öffne frage ich sie “Was soll das? Gibt es eine Party hier?”. Ja, meine Tochter ist sehr glücklich. Das gibt den Kindern Kraft. Und jetzt habe ich mehr Zeit für mich.  Weil ich nicht mehr suchen muss und eine Wohnung habe. Ich will jetzt weitermachen und für meinen Sprachkurs lernen. Ich möchte das B2 Sprachniveau erreichen und danach eine Ausbildung machen. Jetzt habe ich Kraft für die Zukunft.

Möchten Sie zum Schluss noch etwas hinzufügen?

Ja, ich möchte allen Menschen, die sich auf Wohnungssuche begeben raten, nicht auf negativ eingestimmte Personen zu achten und einfach weiterzumachen. Man soll sich nicht von der Meinung anderer aufhalten lassen. Wenn man in Deutschland nach Hilfe sucht, dann findet man sie immer. Und man soll immer fragen – fragen ist nicht schlimm! Wenn man etwas nicht weiß, dann soll man immer fragen! Denn so wäre ich auch nicht an das Projekt der Wohnungslosenhilfe geraten. In Deutschland muss man sich immer viel Mühe geben und immer suchen. Dann geht der Traum in Erfüllung. Ich bedanke mich sehr bei meiner Sozialarbeiterin und ich kann nicht sagen, wie ich ihr meine Dankbarkeit entgegenbringen kann. Ich bin jetzt sehr glücklich.

Wir bedanken uns für das Gespräch und wünschen Ihnen und Ihren Kindern alles erdenklich Gute!

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